Thematische Herausforderungen.

In den letzten Jahren habe ich mich einigen thematischen Herausforderungen in meiner künstlerischen Arbeit gestellt. Meistens war der Anlass eine Ausstellung, die eine eigene Herangehensweise erforderte. Wenn die Thematik der Ausstellung sehr speziell ist, dann reicht es nicht Kunstwerke aus dem bestehenden Fundus auszuwählen.

Trotzdem sind all die daraus entstandenen Kunstwerke eine direkte Entwicklung aus der bisherigen künstlerischen Arbeit.

8 Milliarden

Die Ausstellung der art bv Berchtoldvilla Salzburg mit dem Thema „8 Milliarden“ war eine solche Ausstellung. Die Herausforderung war, wie man den Ausstellungsbesuchern die fast unbegreiflich große Anzahl von 8 Milliarden Menschen weltweit nahe bringen kann.

Das Ergebnis meiner Überlegungen mündete in der Installation „Wie Sand am Meer“ über die ich damals ausführlich berichtet habe. Es war das erste Mal, dass ich für eine Ausstellung nur ein Konzept, nicht ein fertiges Werk, einreichte. Einfach weil mir schon bald klar wurde, dass dieses Kunstwerk viel Material, Zeit und Kraft brauchen würde, und sich das nur lohnt, wenn ich an der Ausstellung teilnehmen kann. Insofern habe ich mit der konkreten Arbeit daran erst begonnen, als ich die konkrete Zusage zur Ausstellungsteilnahme erhalten habe.

Die ersten Überlegungen und Berechnungen begannen ein Jahr vor der Ausstellung (Sommer 2024). Danach folgte eine erste Absprache mit den Kuratoren, die ihr grundsätzliches Interesse bekundeten. In dieser Zeit habe ich diverse Vorarbeiten gemacht. Darauf basierend musste ich die Auswahl der verschiedenen Sandarten ändern und neu berechnen. Schlussendlich habe ich mit der Umsetzung dann Ende Februar begonnen und bis Anfang April fast non-stop daran gearbeitet.

Like Sand by the Sea

Die in diesem Werk verwendeten Materialien waren mit einer Ausnahme nichts Neues. Ich habe bereits im Jahr davor mit verschiedenen Sandarten in Ergänzung zu den bisherigen Marmormehl-Strukturen gearbeitet. Neu war nur die Verwendung von Zement weil die Bevölkerungsdichte in Süd-Ost Asien mehr Material erforderte, als meine üblichen Strukturen ertragen konnten.

Mosaics of Networks

Nicht so aufwendig war mein Beitrag zur Ausstellung „Mosaics of Networks“. Dadurch dass die eingerechten Werke auch in Finland ausgestellt wurden, sollten sie eine bestimmte Größe nicht überschreiten. Die Ausführungen zum Thema in der Ausschreibung löste bei mir Assoziationen zu Netzen aus. Schlussendlich habe ich verschiedene netzartige Stoffe verarbeitet.

Mehrere verschiedenartige Textilien symbolisieren die Unterschiedlichkeit von Netzwerken – aus verschiedenen Materialien, unterschiedlicher Fadenstärke und Fadendichte, dazwischen Papierkollagen und Marmormehlstrukturen, mit gegensätzlichen Farben und gegenseitigen Farbveränderungen. Sie berühren einander, sind ineinander verwoben, beeinflussen einander und spiegeln auf diese Weise die Realität wider, in der Netzwerke, Teamarbeit und andere Arten von Zusammenarbeit sich überlappen, interagieren und einander beeinflussen. Erst im Miteinander entsteht ein Ganzes, ein funktionierendes Gebilde und ein farbenfrohes „Mosaic of Networks“.

Meine Beiträge hatten den Titel „net.works.overlap.interact“ und waren eine Kombination aus Textil- und Papierkollagen.

Auch bei diesen Werken waren die verwendeten Materialien eine natürliche Weiterentwicklung. In den zurückliegenden Jahren habe ich des öfteren Jutestücke und handgeschöpfte Papierelemente in meine Materialbilder eingearbeitet. Bei der Meisterklasse mit Gabriele Musebrink lernte ich Wischgaze und Schleiernessel kennen. In weiterer Folge entstanden luftig leichte Bilder auf alten Vorhangstoffen vom Flohmarkt. In den obigen Bildern sind alle diese Textilien integriert und im Dialog zueinander getreten.

Mental Load

Mit dem Thema „Mental Load und unsichtbare Arbeit“ konnte ich ursprünglich nicht viel anfangen. Als ich mich dann aber näher damit beschäftigte, entstand eine sehr konkrete Idee für ein dreiteiliges Werk mit dem Titel „Overload“. Im Grunde ist es ein Vergleich wie sich Mental Load auf unterschiedliche Weise bei Mutter, Vater, Kind manifestiert.

Die typische Mental Load sind die unzähligen Aufgaben der Mütter, die von anderen meist nicht wahrgenommen werden. Diese Aufgaben sind eine Form von unsichtbarer Arbeit. Im Extremfall sagen andere „das ist doch keine Arbeit“. Im Gegensatz dazu haben viele Väter einer sehr sichtbare Hauptaufgabe und wenige Nebenaufgaben. Sie „helfen“ zwar im Haushalt, aber überschätzen oft, wie niedrig ihr Beitrag zur anfallenden Haushaltarbeit ist. Manche empfinden es auch als Belästigung, wenn sie gebeten werden, diverse Aufgaben zu übernehmen. Dagegen spielt sich die Mental Load der Jugendlichen auf der Ebene der Identitätsfindung ab: der Gruppendruck, die grausame Kommentare und Kritik von anderen Jugendlichen, speziell auf Social Media, mögen für Erwachsene banal erscheinen, aber führen bei Heranwachsenden mit einem weniger stabilen Nervenkostüm leicht zum Overload.

Overload, Mixed Media mit Marmormehlstruktur, Sand, Jute, Zement, Schellack, Tusche, Kreide, Pigmente auf Holzplatte, 100 x 70 cm * Mixed Media with marble dust texture, juta, sand, cement, schellack, ink, chalk, pigments on wood panels, 40 x 27.5 in © 2025 by Jutta Blühberger www.juttabluehberger.at

Auch in diesem dreiteiligen Werk habe ich mit bereits bekannten Materialien gearbeitet. Diesmal hat die Jute eine gestalterische Rolle übergenommen. Dazu kamen verschiedenen Sandarten in Kombination mit Marmormehl-Strukturen. Und für die dominante Hauptrolle im mittleren Bild habe ich wieder Zement verwendet.

A Line A Day

Die Ausstellung „A Line A Day“ gehört nur teilweise in die Liste der thematischen Herausforderungen. Sie basierte auf Anregungen, die ich von einer Reise nach Barcelona (2022) mitgebracht habe. Bereits davor habe ich phasenweise eine abendliche Zeichenmeditation gemacht und sie „Daily Drawings“ genannt.

In Barcelona habe ich die „Letters to my Mother“ (1993-97) von Elena del Rivero in einer Ausstellung im MACBA gesehen. Diese sind wiederum inspiriert von Franz Kafkas Brief an den Vater (1919). Daraus entstand meine Serie „A Letter A Day“.

„A Letter A Day“ basiert auf einem Wortspiel mit der Doppelbedeutung von „Letter“ – ein täglicher Brief (Letter) als Zusammenfassung des Tages, wird von einem kalligrafischen Buchstaben (Letter) überlagert. Und aus diesen täglichen „Letter“ entstand das Collagematerial für das Kunstwerk „Letterfall“.

Letterfall, Collage, Marmormehl, Papier, Pigmente, Tusche, Wachsseife auf Leinwand, 140 x 70 cm * collage, paper, pigments, ink, wax soap, on canvas, 55 x 27.5 in © 2026 by Jutta Blühberger / Bildrecht, www.juttabluehberger.at (660301)

Dieses Werk ist eine Mischung aus Materialbild und Collage. Die Grundlage bildet eine Marmormehlstruktur, in die ich die Buchstaben aus der „A Letter A Day“ Serie eingearbeitet habe. Relativ neu ist die Verwendung von Pigmenten mit Wachsseife, deren Herstellung wir ebenfalls in der Meisterklasse kennenlernten.

Zu der Ausstellung „A Line A Day“ gibt es einen ausführlichen Bericht. Sie gehört nur bedingt in diese Zusammenstellung, weil ich das Thema selber vorgeschlagen habe und ich sie zusammen mit Monika Maria Weiß kuratiert habe.

Nichts und dessen Beziehung zum Sein

Die letzte Ausstellung die eine thematische Herausforderung brachte, war unter dem Thema „Nichts und dessen Beziehung zum Sein“. Hier war die Herausforderung, wie kann man NICHTS künstlerisch darstellen. Interessanter Weise war meine ursprüngliche Einreichung etwas anderes, als der schlussendliche Beitrag.

Mein Ausstellungsbeitrag entstand aus zwei Einreichungs-Vorschlägen woraus dann im Dialog mit den Kuratoren ein drittes Werk entstand. Drei leere Keilrahmen, die das Nichts darstellen, stehen im Zentrum der Installation „Was bleibt?“. Hans Christian Andersen und Banksy standen Pate für die Gestaltung darum herum.

Was bleibt? Installation mit Luftballon, Kapaplatte, Finnpappe, Gesso und Acryl auf Keilrahmen, 180 x 340 cm © 2026 by Jutta Blühberger / Bildrecht, www.juttabluehberger.at

Hier ist der Text der Infotafel zur Installation:

Leider hat der Luftballon bedingt durch die Hitze nicht so lange wie geplant ausgehalten. Der zweite platzte nach nur wenigen Stunden während der Vernissage. Der dritte hing nach weniger als einer Woche herunter. Schließlich musste ich ihn durch eine Karton-Replika ersetzen, wenn ich nicht mehrmals pro Woche nach Salzburg fahren wollte.

Diese Art der Installation ist eher untypisch für meine bisherige künstlerische Praxis, auch wenn ich mit bekannten Elementen gearbeitet habe. Und zwar habe ich schon öfter geweisste Keilrahmenleisten verwendet, wenn ich anstelle von Leinwand sehr dünne Stoffe, wie z. B. Vorhänge, verwendet habe, oder lose gewebte Jutestoffe, die die Keilrahmenleisten durchscheinen lassen. Insofern ist auch dieses Werk eine stimmige Weiterentwicklung meiner Arbeit.