Laudatio im Artforum Salzburg – März 2022.

Im Laufe der Jahre haben verschiedene Leute meine Ausstellungen eröffnet, aber dies war meine erste offizielle Laudatio von einer Kunsthistorikerin. Mag. Michaela Helfer ist Kunsthistorikerin und Kulturvermittlerin im Salzburger Domquartier. Sie hat mich im Vorfeld der Ausstellung in Strobl besucht und sich intensiv mit mir und meinen Kunstwerken auseinander gesetzt. Auch während dem Aufbau der Ausstellung kam sie im Artforum Salzburg vorbei, um sich ein Bild zu machen. 

Es war für mich dann sehr faszinierend, was sie im Rahmen der Laudatio gesagt hat. Es gab manche Aussagen, die mich überraschten. Immer wieder war meine Reaktion: „Ach ja, das stimmt. Aber es war mir bisher nicht bewusst.“

Nun will ich im Folgenden den Text der Laudatio auszugsweise mit Ihnen teilen. Mag. Michaela Helfer hat mir freundlicherweise ihr Manuskript zur Verfügung gestellt. Wer die ganze Laudation hören will, kann sich das Video von der Laudatio ansehen, das Madelaine  Worliczek für mich aufgenommen hat. 

 

Auszüge aus der Laudatio

Als ich mich mit Jutta Blühberger als Person näher beschäftigt habe, habe ich festgestellt, dass sie bis vor wenigen Jahren ein Leben führte, das von sehr viel Reisetätigkeit geprägt war. Bei meinen Gesprächen mit ihr habe ich den Eindruck gewonnen, dass auch das Malen eines Bildes eine Art Reise für sie ist. 

 

Das Reisen als Lebensthema und auch das Thema ihrer Ausstellung hier im Artforum: „Aufbruch – hat sie ihre Ausstellung genannt – und: der Weg entsteht im Gehen“

Um zu begreifen, wie zentral das Thema des Unterwegsseins in Jutta Blühbergers Schaffen ist, muss unbedingt über die Technik der Künstlerin gesprochen werden. Und über das Aufbrechen nicht allein im Sinne eines Reisebeginns, sondern auch in dem Sinn, dass sich eine geschlossene Fläche plötzlich öffnet und dadurch Risse und Falten entstehen.

 

Es handelt sich durchwegs um Strukturbilder – das bedeutet, dass zunächst eine Struktur, meist aus Marmormehl, auf den Bildträger aufgetragen wird, und wenn diese ausgehärtet ist, kommen darüber mehrere Lagen verschiedener Medien – meist sind es Farben, die Jutta Blühberger selbst aus Pigmenten und Bindemitteln anrührt. Dabei sind nicht die Grenzen zwischen den Schichten wichtig, sondern die Übergänge.

Weil in Schichten gearbeitet wird, verschwindet manches für das Auge wieder, wenn andere Schichten darüber gelegt oder geschüttet werden. Und Trotzdem ist es Teil des Bildes. Diese Art der Malerei befindet sich genau genommen an der Grenze zur Skulptur, denn die Paste ist stellenweise sehr erhaben und bildet auf dem Bildträger Höhen und Tiefen wie ein Relief.

 

Arbeitsweise – Prozessmalerei:

Das Auftragen der Struktur und auch der Farbauftrag erfolgen intuitiv und entspringen dem Unterbewusstsein. Beim Arbeiten entsteht ein Dialog mit dem, was gerade geschieht. Und es geschieht viel, denn während z.B. die aufgetragene Paste trocknet, vollzieht sich ein Prozess, der von der Künstlerin nicht beeinflussbar ist, den sie aber wahrnimmt, beobachtet, um dann mit viel Einfühlungsvermögen und Flexibilität sehend und hörend darauf zu reagieren.

Auch die Farbschichten können sich beim Trocknungsprozess verändern, einzelne Lagen aufgetragenen Materials können Risse bekommen und manchmal aufbrechen. „Wie verändert sich das, ich aufgetragen habe, über Nacht?“, wird wohl oft eine Frage sein, die Jutta Blühberger beschäftigt.

Denn diese Prozesse sind nicht planbar und können für Überraschungen sorgen. Unerwartete Effekte können entstehen, die wiederum bestimmte Handlungen der Künstlerin veranlassen. Es kann natürlich sein, dass sich alles in eine Richtung entwickelt, mit der man nicht gerechnet hat…

Sogar nach Vollendung des Bildes kann es sich noch verändern, Risse können breiter oder tiefer werden, neue Brüche können entstehen, Material kann abfallen und so das Bild wieder verlassen. Eine Struktur, die z.B. aus Kaffee und Leim besteht, verändert sich auch noch nach 2-3 Jahren. Durch das Aufbrechen können nicht nur Höhen und Tiefen, sondern auch Innenräume und Außenbereiche entstehen.

Die Dicke der Struktur oder des Farbauftrags sowie die Wahl bestimmter Bindemittel können das Entstehen von Unebenheiten und Rissen zwar beeinflussen, aber richtig steuerbar ist das alles nicht. Und so ist eine der Herausforderungen, denen sich die Künstlerin stellt, die des Zulassens. Sie muss dem Bild erlauben, eine Art Eigenleben zu entwickeln. Das Material hat die Freiheit, mitzugestalten.

Eine andere Herausforderung während des Arbeitsprozesses ist vermutlich das Erkennen. Denn was sich verändert hat, das will auch wahrgenommen, gesehen, beachtet werden. Und hier gilt es natürlich auch, eine Spannung auszuhalten, denn nicht alles entwickelt und verändert sich so, wie man es sich vorstellt oder wünscht. Nicht alles, was geschieht, gefällt auf den ersten Blick.

 

Vorbilder:

Ich möchte an dieser Stelle noch Hubert Scheibl erwähnen – denn er ist derjenige, durch den Jutta Blühberger zum ersten Mal mit Prozessmalerei in Berührung gekommen ist. Wir haben ein Gemälde in der Ausstellung, mit dem sie sich ganz explizit auf ihn bezieht.

 

Vom Realismus zur Abstraktion

Jutta Blühbergers Schaffensprozess ist geprägt von immer wieder neuen Aufbrüchen. Zu einem Aufbruch gehört auch das Verlassen von Sicherheiten. Bei Jutta Blühberger zeigt sich dies auf ihrem Weg zur Abstraktion. Während sie sich sicher fühlte im Realismus, im gegenständlichen Darstellen der sichtbaren Dinge dieser Welt, war die Abstraktion immer eine Herausforderung für sie, ein Weg in ein neues, unbekanntes Land, das viele Überraschungen birgt und das sie nur betreten kann, wenn sie die Sicherheit des Bekannten und Vertrauten loslässt.

Diese Malerin ist unterwegs, sie bricht immer wieder auf, um Material aufbrechen zu lassen. Man könnte auch sagen, sie macht sich auf, um ein Bild zu treffen. Das Bild und seine Malerin. Beide sind sie unterwegs. Beide brechen auf.

Der Gewinn all dessen sind Zerklüftungen, Risse und Brüche, aber auch Übergänge, die den Bildern ihre ganz eigentümliche Schönheit verleihen, die faszinierend und geheimnisvoll sind, die Freude bereiten, wenn man sie betrachtet. Hinzu kommen wunderschöne Farbklänge. Die Farben sind zwar gebrochen, aber beheimatet in den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Hinzu kommt auch ein Leuchten durch ein Licht, das auf uns zu warten scheint.

 

Offene Titel

Die Bilder sind mit Titeln versehen, die aber eine von vielen Sichtweisen andeuten. Daher würde ich diese Titel als offene Titel bezeichnen. Wir als Betracherinnen und Betrachter sind eingeladen, unserer jeweils eigenen Vorstellungskraft zu folgen, unserer Fantasie freien Raum zu lassen und unsere persönliche Interpretation zu finden.

 

Video der Laudatio

 

Weitere Videos und Fotos der Ausstellung (kommen demnächst)

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